29. Plenarsitzung – Helge Schwab zu „Bildungswende jetzt: Fachkräftemangel bekämpfen, berufliche Bildung stärken,Schulstrukturreform wagen“ (Antrag der AfD-Fraktion) – mit Video

Video: Landtag RLP

Ein Rundumschlag der antragstellenden Fraktion. – Zurück, Marsch-Marsch, alles auf Anfang. Streng nach dem Motto: Glaube niemals einer Statistik, die du – Sie wissen schon –,   frage ich mich, inwieweit die Antragsteller selbst die Hintergründe der im Antrag verwendeten Zahlen ergebnisoffen hinterfragt haben: In der Geschichte unseres Bundeslandes sind in nahezu jedem Jahr mehr Menschen nach Rheinland-Pfalz zugezogen als über die Landesgrenze weggezogen. Damit konnten die Wanderungen fast immer zu einem Wachstum der Bevölkerung beitragen. Besonders hoch waren die Wanderungsgewinne in den ersten Nachkriegsjahren sowie Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre infolge der Grenzöffnung zum Osten. Im Mittel der Jahre 1989 bis 1993 lag der Zuwanderungsüberschuss bei weit über 50.000 Menschen jährlich.

Vielleicht ist damit die hohe Zahl der Auszubildenden und Studenten des Jahres 1999 zu begründen – wer weiß? Vielleicht liegt es auch daran, dass heute viele Eltern, deren Eltern selbst nicht die finanziellen Möglichkeiten hatten, das vermeintlich Beste für die eigenen Kinder wollen und sie deshalb zum Studium motivieren? Kennen Sie den Satz: „Du sollst es einmal leichter haben als ich“?

Ich glaube, Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie mit Ihrem Antrag einfach alles auf einmal verändern möchten. Ich glaube, dass eine klare Differenzierung bereits ab Klasse 5 pädagogisch weit daneben ist, und ich halte es auch für falsch, eine Regierung dazu aufzufordern, aktiv für weniger Ausbildung oder Qualifikation zu sorgen. Das ist ein abwegiger Gedanke.

Wir wissen doch alle, dass Mädchen und Jungen gerade vor und während der Pubertät sehr unterschiedliche Lernfortschritte machen. Das rheinland-pfälzische System der Orientierungsstufe ist die beste Möglichkeit, diese unterschiedlichen Entwicklungen abzufedern. – Hier eine strikte Trennung herbeiführen zu wollen, ist ein Schritt Richtung Steinzeit!

Wir haben ein offenes Bildungssystem. Ob direkt ab Klasse 7 über das Gymnasium oder mit dem Weg über die Realschule Plus oder die IGS: Jedem steht jeder Abschluss grundsätzlich zur Verfügung. Und diejenigen, die nach Klasse 10 nicht mehr das Gymnasium oder die IGS besuchen möchten, dürfen selbstverständlich einen Beruf erlernen. Jeder nach seinem Geschmack, Eignung, Leistung und Befähigung. Und genauso steht es jedem Schüler nach dem Abitur zu, eine berufliche Ausbildung anzutreten. Hier muss Studien- und Berufsorientierung immer ergebnisoffen über Bildungspfade und Karrierewege informieren – mit gesellschaftlicher Anerkennung und Wertschätzung für jeden Beruf.

Das tollste an diesem System ist, dass – Ausnahme der Vergleich mit G8 – es keine zusätzlichen Jahre dauert, den Aufstiegsweg über die Realschule Plus einzuschlagen. Es gibt bei uns in Rheinland-Pfalz Schulleiter, die nach der Realschule einen Beruf erlernten, ein Fachstudium anhängten und schlussendlich auf Lehramt umschwenkten. Es gibt aber auch Maschinenbaustudenten, die nach ihrem Studium eine Lehre absolvierten und sukzessive zum Kfz-Meister umschulten.

Wir benötigen sowohl Akademiker als auch Handwerker. Unser Fachkräftemangel muss dringend aufgelöst werden. Ich selbst komme aus einer Handwerker- und Händlerfamilie, einem in der Region angesehenen Handwerks-, Handels- und selbstverständlich Ausbildungsbetrieb. Ich weiß, wie schwer es ist, gutes Personal zu finden. Menschen, die ihre Berufung zum Beruf machen wollen. Wir benötigen mehr Einblick in unsere Handwerksbetriebe. Mehr und vor allem attraktivere wie kreativere Möglichkeiten für unsere Heranwachsenden in allen Schulformen, um unsere Berufsvielfalt kennenzulernen. Wir haben mehr als 130 Handwerksberufe, die erlernt werden wollen. Vom Anlagenmechaniker über den Mechatroniker bis hin zum Zimmermann. Um diese Berufe allen Schülern vorstellen zu können, benötigen wir neue Konzepte. Vielleicht eine Überarbeitung der Lehrpläne. Vielleicht sollten wir über diese 130 Handwerksberufe in einem folgenden Bildungsausschuss sprechen.

Den vorliegenden Antrag lehnen wir ab.

Es gilt das gesprochene Wort.

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