14. Plenarsitzung – Lisa-Marie Jeckel zu „Entrepreneurship-Preis: Sichtbarkeit für Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit schaffen“ (Antrag der Fraktionen der SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP) – mit Video

Video: Landtag RLP

Eine selbstbewusste junge Frau sagt über sich: „Ich arbeite in der Kommunikationsbranche und im Organisationsmanagement. Außerdem gehören Nachwuchsförderung und Mitarbeitermotivation zu meinen Aufgaben. Ich führe ein sehr erfolgreiches kleines Unternehmen.“ Super! Genau dieses Selbstbewusstsein, diesen Erfolg wollen Sie mit dem vorliegenden Antrag sichtbar machen.

Frauen haben viel zu bieten, haben viele Kompetenzen und gute Ideen. Frauen verfügen über Führungsqualitäten. Das Ziel des vorliegenden Antrags ist es, diese erfolgreichen Frauen sichtbar zu machen. Das unterstützen wir! Was wir allerdings nicht unterstützen wollen, ist das Frauenbild, das mit dem Antrag transportiert wird. In Bezug auf Frauen ist in diesem Papier ständig die Rede von „unterstützen“, „motivieren“, „bestärken“, „sensibilisieren“, „ermutigen“. Frauen müsse „Lust“ und „Mut“ gemacht werden.  Sie müssten von der „Attraktivität“ einer Gründung überzeugt werden! Man gewinnt beim Lesen fast den Eindruck, Frauen würden verängstigt, schwach und planlos durch diese Welt ziehen. Das kann unmöglich Ihr Frauenbild sein! Frauen SIND bereits sehr erfolgreich!

Wenn ich mir die Zahlen anschaue, die Im Antrag angeben sind, dann gibt es in allen Bereichen der selbstständigen Tätigkeiten einen mindestens 30-prozentigen Anteil an Frauen.  Bei den Freien Berufen liegt dieser Anteil sogar bei über 50 Prozent. Lediglich bei den Startups liegt der Anteil weiblicher Gründerinnen nur knapp über 15 Prozent. Es gibt sicher Gründe für die geringe Zahl in diesem Bereich, die auch damit zu tun haben, dass Frauen Risiken anders bewerten und ihre Fähigkeiten oft geringer einschätzen als Männer das tun. Dennoch kann es das nicht allein der Grund sein. Im Schulprojekt JUNIOR stellen etwa die Hälfte der Geschäftsleitungen Mädchen. In diesem Rahmen und in diesem jungen Alter scheint es also keine nennenswerten Unterschiede im Zutrauen zu geben. Es muss also noch etwas anderes geben.

Eine Unternehmensgründung muss zeitlich und finanziell auf einigermaßen sicherem Grund stehen – beides ist zumindest für die Mütter unter den Frauen wesentlich schwieriger zu erreichen als für Männer. Sind sie deshalb weniger erfolgreich? Sind sie deswegen weniger selbstbewusst? Haben sie deswegen weniger Kompetenzen, gute Ideen und Führungsqualitäten? Ganz klar: Nein! Frauen sind in der Regel bereits sehr erfolgreich.

Nur bleibt ihre Arbeit zu einem nicht unerheblichen Teil – vor allem, wenn sie Mütter sind – unbezahlt und damit unsichtbar.  Der Wert dieser unbezahlten von Frauen ausgeübten Arbeit wurde zuletzt auf 825 Milliarden Euro pro Jahr berechnet.
Der Beitrag von Frauen zu unserem Lebensstandard in Form von unbezahlter Arbeit ist ökonomisch von enormer Bedeutung. Frauen SIND also bereits sehr erfolgreich.

Ihr Antrag zementiert in meinen Augen die Orientierung am männlichen Wirtschaftsverständnis, was vor allem in ihrer Wortwahl zum Ausdruck kommt. Frauen müssen nicht „ermutigt“ und „motiviert“ werden, sondern sie müssen, wenn sie den Wunsch haben, einer selbständigen Erwerbsarbeit nachzugehen, zeitlich und finanziell dafür gut gerüstet sein.

Solange es Städte in Rheinland-Pfalz  gibt, in denen mehrere tausend Kinderbetreuungsplätze fehlen, solange Mütter und Väter ihre Kinder nur mit einem schlechten Gewissen in die Kita- oder Schulbetreuung bringen können, da die Qualität der Betreuung oftmals nicht dem entspricht, was man sich für sein Kind wünscht, solange die Betreuung noch nicht flächendeckend gewährleistet ist und Eltern mit mehreren Kindern immer wieder vor dem Problem stehen, dass zwar für ein oder zwei Kinder die Betreuung funktioniert, ein weiteres aber nicht oder nicht in ausreichend zeitlichem Umfang betreut werden kann  – solange sollten Sie davon Abstand nehmen, Frauen mangelnde Motivation, mangelnden Mut, mangelnde Lust und mangelnde Kreativität zu unterstellen!

In der bekannten Werbung eines Staubsauger-Herstellers sagt eine dreifache Mutter, während sie beim Vorstellungsgespräch vor Augen hat, wie sie zu Hause Streit schlichtet, Termine organisiert, ein offenes Ohr für ihre Kinder hat und sie immer wieder ermutigt: „Ich arbeite in der Kommunikationsbranche und im Organisationsmanagement. Außerdem gehören Nachwuchsförderung und Mitarbeitermotivation zu meinen Aufgaben. Kurz: Ich führe ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen.“ Der ihr gegenübersitzende Personaler nickt anerkennend.

Wir FREIEN WÄHLER fordern Sie auf: Geben Sie der gesamten – bezahlten und unbezahlten – Sorge- und Versorgungswirtschaft die Wertschätzung und Aufmerksamkeit, die sie verdient! Stecken Sie die Energie und das Geld statt in einen Extra-Frauenpreis lieber in die Verbesserung der Kinderbetreuungssituation im Land! Anerkennung plus verlässliche, gute Kinderbetreuung nützen Frauen mehr als ein Extra-Preis speziell für Gründerinnen.

Wir FREIEN WÄHLER lehnen den Antrag in der vorliegenden Form ab.

Es gilt das gesprochene Wort.

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